
Der Ton aus dem Wiener U-Bahn-Bau wird für die Herstellung von hochwertigen Ziegeln verwendet. 1.000 Einfamilienhäuser können daraus entstehen. ©Petra Humnig
Der Wiener U-Bahn-Ausbau U2xU5 macht gerade sichtbar, was sonst unter der Oberfläche bleibt. Aus Tunnelaushub entstehen neue Ziegel, aus Abbruchmaterial neuer Beton. Gelungene Beispiele dafür, wie viel Kreislaufwirtschaft schon heute in mineralischen Baurohstoffen steckt.
Sand, Kies, Ton und Naturstein sind die stillen Grundstoffe jeder Stadt. Sobald ein Gebäude steht, sind sie meist unsichtbar. Beim Wiener U-Bahn-Ausbau zeigt sich gerade besonders deutlich, wie vielseitig diese mineralischen Rohstoffe sind. Denn was die Tunnelvortriebsmaschine „Debohra“ aus dem Untergrund holt, wird nicht deponiert, sondern zu neuen Baustoffen verarbeitet.
2,8 Millionen Ziegel aus Bodenaushub
Im Juli 2026 hat „Debohra“ nach 4,2 Kilometern ihre letzte Etappe zwischen Matzleinsdorfer Platz und Augustinplatz abgeschlossen. Rund 17.000 Tübbinge (jene Betonelemente, aus denen die Tunnelschale besteht) wurden dabei verbaut. Parallel dazu läuft seit Monaten ein Pilotprojekt, das zeigt, was mit dem ausgehobenen Material passiert: Der beim Vortrieb gewonnene Wiener Ton wird gemeinsam mit dem Baustoffhersteller Wienerberger zu sogenannten „U-Bahn-Ziegeln“ verarbeitet.
Bislang wurden rund 35.000 Kubikmeter Erdmaterial übergeben, geprüft und qualitätsgesichert, weiteres Material folgt sukzessive, sobald es die Prüfungen durchlaufen hat. Daraus entstehen rund 2,8 Millionen Ziegel in den Werken Hennersdorf bei Wien und Göllersdorf in Niederösterreich. Der Transport vom Tunnel direkt in die Werke übernimmt die Porr-Tochter Koller Transporte-Kies-Erdbau GmbH. Damit sind kurze Wege garantiert. Seit Mai sind die Ziegel im Baustoffhandel erhältlich und sie erfüllen sämtliche sicherheitstechnischen Anforderungen. Das bislang gewonnene Material reicht rechnerisch für rund 1.000 Einfamilienhäuser.

Tunnelvortriebsmaschine „Debohra“ beendet ihre Arbeit – sie hat zwei neue U2-Tunnel mit insgesamt 4,2 Kilometern zwischen Matzleinsdorfer Platz und Augustinplatz gegraben. © Wiener Linien_Simon Wöhrer
Der nachhaltige Ansatz hat auch eine kulturelle Dimension: Ziegel prägen Wiens Baugeschichte seit Jahrhunderten, vom Parlament bis zum Karl-Marx-Hof. Dass nun ausgerechnet die tonhaltige Erde aus dem U-Bahn-Bau in neue Wiener Gebäude zurückfließt, schließt diesen Kreis. Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky bezeichnet das Projekt als „großartiges Beispiel für einen nachhaltigen Einsatz von Ressourcen“ und sieht darin ein Signal für weitere Anwendungen im Infrastrukturbereich. So wird gemeinsam mit der Biofabrique Vienna derzeit erforscht, ob sich Aushubmaterial auch zu hochwertigen Wandfliesen verarbeiten lässt. Sollte das gelingen, könnten künftig sogar U-Bahn-Stationen selbst mit Baustoffen aus ihrem eigenen Untergrund ausgestattet werden.
Recyclingbeton direkt auf der Baustelle
Während bei den Ziegeln der Ton im Fokus steht, zeigt ein Forschungsprojekt der TU Wien, was mit Beton möglich ist. Auf einer Baustelle an der Quellenstraße wurde eine Probewand aus Recyclingbeton errichtet. Als Ausgangsmaterial diente eine zuvor abgetragene Mauer. Der neue Baustoff entstand direkt vor Ort, ohne dass Material an- oder abtransportiert werden musste. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern reduziert auch Transportwege. Ergänzt wird das Vorhaben durch eine Bewehrung aus Basalt, die den Bedarf an Stahl senken kann – ein Beispiel dafür, dass mineralische Rohstoffe auch dort Lösungen liefern, wo klassischerweise Metall zum Einsatz kommt.
Aushub ist kein Abfall, sondern ein Rohstoff
Was den U2xU5-Ausbau bemerkenswert macht, ist nicht ein einzelnes Projekt, sondern das Zusammenspiel mehrerer Ansätze: Aushub wird zu Ziegeln, Abbruchmaterial wird zu neuem Beton, und selbst ausgemusterte Bauteile wie Sitzbänke finden in Strebersdorf – etwa als Fledermauskästen – eine zweite Verwendung. Die Wiener Linien verweisen darauf, dass der Öffi-Ausbau eines der größten Klimaschutzprojekte der Stadt ist. Aus Sicht der mineralischen Rohstoffbranche ist er vor allem ein Beleg dafür, dass Sand, Kies, Ton und Naturstein weit mehr können. Sie sind Teil eines Systems, das Ressourcen dort weiterverwendet, wo sie anfallen.
Autor: Evelin Past