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Die regionale Versorgung der Wirtschaft mit mineralischen Rohstoffen leistet in Zeiten multipler Krisen einen wichtigen Beitrag zur positiven Entwicklung einzelner Unternehmen sowie ganzer Regionen. Vor allem das Bauwesen fungiert hier als Motor für Wertschöpfung und Beschäftigung in zahlreichen Branchen.
Heimischer Rohstoffbedarf
Österreich hat einen jährlichen Rohstoffbedarf von rund 100 Millionen Tonnen, wovon knapp 80 Prozent auf die Bauwirtschaft entfallen. Für den Bau und die Erhaltung von Straßen, Wohnhäusern, Kanälen und Brücken werden jährlich etwa 66 Millionen Tonnen Sand, Kies und Naturstein benötigt. Die übrigen rund 34 Millionen Tonnen werden zur Herstellung von Baustoffen wie Zement, Putzen, Mörtel und Splitten sowie im Straßen- und Bahnunterbau verwendet.
Neben Nutzungskonflikten und gesetzlichen Vorgaben stellt der steigende Ressourcenverbrauch eine große Herausforderung für die Versorgungssicherheit dar. Zwar reichen insbesondere die Vorkommen an mineralischen Baurohstoffen noch für viele Jahrzehnte, doch die Abbaubetriebe sehen sich zunehmend mit langwierigen und kostenintensiven Genehmigungsverfahren konfrontiert. Es wird immer schwieriger, den Zugang zu den Lagerstätten zu sichern.
Biodiversität und Wirtschaftsimpuls
Dabei ist Umweltschutz selten das Problem. Zahlreiche Artenschutzmaßnahmen zeigen, dass Rohstoffgewinnung und ein achtsamer Umgang mit der Natur einander nicht ausschließen. So werden Steinbrüche, Sand- und Kiesgruben häufig zu wertvollen Sekundärlebensräumen. Auch die wichtige Rolle dieser Betriebe als Arbeitgeber in strukturschwachen Regionen wird oft übersehen. In Österreich gibt es rund 950 Sand- und Kiesgruben sowie etwa 350 Steinbrüche. Die kurzen Transportwege zwischen Gewinnungsstätte und Verarbeitungsort tragen zusätzlich zur Reduktion von CO₂-, Lärm- und Staubemissionen bei.

Rohstoffbedarf im Mittelpunkt © KI generiert
Um die wirtschaftlichen Effekte der Rohstoffgewinnung sichtbar zu machen, erstellte das Studienzentrum für internationale Analysen (STUDIA) im Auftrag des Fachverbands Steine-Keramik 2024 eine Regionalstudie. Dabei zeigte sich: Die Transportdistanzen mineralischer Rohstoffe sind mit durchschnittlich 25 Kilometern äußerst gering. Zulieferradien liegen meist zwischen 18 und 93 Kilometern, in vielen Fällen befinden sich die Produktionsstätten direkt am Abbauort. Die Branche nimmt damit eine Sonderstellung ein und löst durch ihre regionalen Produktionskreisläufe bedeutende wirtschaftliche Dynamiken aus. Vorleistungen wie Betriebsmittel, Maschinen oder Dienstleistungen erzeugen zusätzliche Impulse für Wertschöpfung und Beschäftigung.
Rohstoffsicherheit und Bauwirtschaft
Die Massivbaustoffindustrie Österreichs – dazu zählen die Herstellung von Betonfertigteilen, Putzen, Mörtel, Zement und Ziegeln – erzielt eine jährliche Bruttoproduktion von rund 21,6 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 15 Milliarden auf den nachgelagerten Bereich der Bauwirtschaft und 3,6 Milliarden auf vorgelagerte Aktivitäten wie die Herstellung von Sand, Kies und Naturstein. Insgesamt sind rund 89.900 Personen in diesem Sektor beschäftigt, die eine Wertschöpfung von etwa 7,5 Milliarden Euro generieren.
Trotz dieser positiven Effekte ist der größte Engpass für die Rohstoffsicherheit in den langwierigen und schwer kalkulierbaren Genehmigungsverfahren zu sehen. Um Europa unabhängiger von geopolitischen Krisen und Lieferkettenproblemen zu machen, braucht es eine länderübergreifende Strategie. Die im Mai 2024 in Kraft getretene EU-Verordnung zu kritischen Rohstoffen – der „Critical Raw Materials Act“ (CRMA) – bildet hierfür eine solide Grundlage. Ziel ist es, die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern und die Eigenproduktion in Europa zu stärken. Auch Rohstoffpartnerschaften mit stabilen Lieferländern sind vorgesehen.
Beschleunigte Verfahren
Österreich könnte in dieser Strategie eine Schlüsselrolle einnehmen. Peter Moser, Rektor der Montanuniversität Leoben, betont: „Der größte Engpass für Europas Ambitionen liegt in den Genehmigungsverfahren. Eine klare, zeitlich definierte Beschleunigung ist unverzichtbar.“ Es sei möglich, heimische Rohstoffvorkommen umweltverträglich zu erschließen, moderne Fördertechnologien einzusetzen und gleichzeitig hohe Umweltstandards einzuhalten.
Ein Beispiel dafür ist der Standort Nüziders in Vorarlberg – einer von 350 Steinbrüchen, die zusammen mit 950 Sand- und Kiesgruben Österreich auf kurzen Wegen mit mineralischen Rohstoffen versorgen. Neben Baurohstoffen fehlt auch Magnesit auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe – ein Material, das nicht nur für die Dekarbonisierung der Stahlindustrie, sondern auch für viele Recycling- und Zukunftstechnologien essenziell ist. Österreich verfügt über bedeutende Magnesitvorkommen in Kärnten, Tirol und der Steiermark. Ihre Erschließung könnte Europas Lieferketten stärken und die technologische Führungsrolle im Bereich grüner Technologien sichern.
Nachhaltigkeit spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Das Regierungsprogramm der Koalition 2025–2029 sieht schnellere Genehmigungsverfahren, Förderanreize für die Baukonjunktur und Investitionen in Schlüsseltechnologien ausdrücklich vor. Die jüngsten Lieferkettenprobleme haben den Fokus zusätzlich auf Recycling und Ressourceneffizienz gelegt.
Die Bauwirtschaft geht seit Langem mit gutem Beispiel voran: von der Wiederverwertung von Abbruchmaterialien über die ressourcenschonende Herstellung von Baustoffen bis hin zum Einsatz moderner Baumaschinen mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb. Eine Studie des Güteschutzverbands der österreichischen Kies-, Splitt- und Schotterwerke (GSV) zeigt, dass die Produktion heimischer Zuschlagstoffe ein sehr geringes globales Erwärmungspotenzial aufweist. So verursacht eine Tonne grobe Gesteinskörnung durchschnittlich nur 2,8 Kilogramm CO₂-Äquivalente.
Nachhaltigkeit im Fokus
Ein zentrales Instrument für mehr Transparenz ist die Umweltproduktdeklaration (EPD), die im Zuge der überarbeiteten EU-Bauprodukteverordnung eingeführt wurde. Sie macht sämtliche Umweltauswirkungen eines Produkts über dessen gesamten Lebenszyklus berechenbar und vergleichbar. „Die Umsetzung der Anforderungen erfolgt schrittweise im Rahmen eines mehrjährigen Stufenplans“, erklärt Jürgen Neuhuber, Obmann des GSV.
Ob recycelte Baustoffe tatsächlich klimafreundlicher sind, untersuchte die Forscherin Sophia Astner im Rahmen ihrer Diplomarbeit. Anhand einer Betondecke im Straßenbau verglich sie den CO₂-Fußabdruck natürlicher und rezyklierter Gesteinskörnungen – inklusive aller Prozessschritte vom Materialtransport bis zur Entsorgung. Das Ergebnis überrascht: Der Unterschied ist gering, wobei natürliche Körnungen leicht besser abschneiden – vor allem aufgrund des höheren Zementanteils im Recyclingverfahren. Denn letztlich ist es der Zement, der den größten Teil der Treibhausgasemissionen verursacht.
Diese Erkenntnisse zeigen: Nachhaltigkeit beginnt nicht erst am Bau, sondern bei der Rohstoffgewinnung – und sie lebt von Transparenz, Innovation und verantwortungsvollem Handeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette.