Rohstoffsymposium Vorarlberg
... denn der Raum ist ein begrenztes Gut


Rohstoffsymposium Vorarlberg  -  Fachtagung 2001
Zu Meinungsaustausch und Diskussion hat der Fachverband Stein- und keramische Industrie der Wirtschaftskammer Österreich am 30. November 2001 mit organisatorischer Unterstützung der Rhomberg Steinbruch GmbH Hohenems in das Festspielhaus Bregenz geladen.
Unter reger Beteiligung der in- und ausländischen Fachöffentlichkeit wird die Veranstaltung von Landesstatthalter Hubert Gorbach und Dr. Helmar Stefko, Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg, eröffnet. In einem einleitenden Vortragsblock wird die aktuelle Situation der Rohstoffwirtschaft in Österreich im Allgemeinen und in Vorarlberg im Besonderen umrissen.

KommRat Gerold Neuper

KR Gerold Neuper, Fachvertreter Stein- und keramische Industrie, Wirtschaftskammer Kärnten, und Betreiber einer bedeutenden Dolomitgewinnung in Kärnten, schlägt einen Bogen von der steinzeitlichen Nutzung mineralischer Rohstoffe für Faustkeile bis zur modernen Hochtechnologie, die zur Herstellung von Mikrochips ebenfalls auf mineralische Rohstoffe angewiesen bleibt.

In Österreich liegt der Verbrauch an mineralischen Baurohstoffen heute über 100 Mio. Tonnen pro Jahr. Dies entspricht einem durchgehend beladenen Zug von 80.000 km Länge. Zwei Drittel der Gesamtnachfrage in der Bauwirtschaft entfallen auf Sand und Kies, ein Viertel auf Festgestein aus Steinbrüchen, der Rest auf sonstige Materialien wie Kalk und Lehm. Der Verbrauch hat sich in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren verdoppelt.

Mineralischer Rohstoff ist nicht vermehrbar und durch geologische Gegebenheiten in der örtlichen Lage fest gebunden. Lagerstätten fallen oftmals mit bedeutenden Siedlungslagen zusammen. Durch die Ausweitung des Siedlungsraums werden immer öfter wertvolle nutzbare Vorräte an mineralischen Rohstoffen auf Dauer blockiert. Gesetzliche Regelungen wie die so genannte "Abstandsregelung" des Mineralrohstoffgesetzes (MinroG) verschärfen diesen Nutzungskonflikt: so sieht sich Vorarlberg trotz seines Rohstoffreichtums mittlerweile in einer besonders angespannten Lage, sind die gewinnbaren Vorräte im österreichweiten Vergleich doch ausgerechnet in Vorarlberg am geringsten.

Um den zukünftigen Bedarf dennoch sicher zu stellen, ist eine gemeinsame Kraftanstrengung der Wirtschaft, der Behörden und der Politik gefordert:
• Die Rohstoffvorräte müssen durch geeignete Rechtsinstrumente für die Zukunft gesichert werden.
• Abbau und Transport müssen mit modernster und umweltschonendster Technik erfolgen.
• Rekultivierungen müssen eng mit den Naturschutzbehörden und -verbänden abgestimmt werden.

Durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit soll das Verständnis für die Notwendigkeit des Rohstoffabbaus verbessert und Konflikten vorbeugend begegnet werden.

MR Dr. Maria Heinrich

Im Anschluss an KR Neuper geht Frau MR Dr. Maria Heinrich, Expertin der Geologischen Bundesanstalt Wien für oberflächennahe Rohstoffe in Österreich, auf die spezifische geologische Situation der Rohstoffwirtschaft in Vorarlberg ein.
Nach einem Überblick über die Vorarlberger Naturräume folgt ein kurzer Abriss der Entstehung der einzelnen heute als Rohstoffe interessanten Gesteine im Laufe der Erdgeschichte. Insbesondere für Vorkommen und Qualität der Kiese und Sande erweisen sich die Verhältnisse während der Eiszeiten in Vorarlberg als ausschlaggebend. Da große Flüsse, die dieses Material über lange Strecken transportierten und es in sortierten Sedimenten ablagerten, im heutigen Vorarlberg weitgehend fehlten, konnte Geröll meist nur über kurze Strecken transportiert und unsortiert abgelagert werden. Aus diesem Grund gibt es in Vorarlberg nur wenige Lagerstätten mit hochwertigem Betonkies. Die eiszeitlichen Verhältnisse sind daher mit "schuld" daran, dass heute verstärkt gebrochenes Material für die Betonherstellung genutzt wird. Ein Blick auf die aktuelle Verteilung von Rohstoffgewinnung und -verbrauch in Vorarlberg zeigt derzeit eine weitgehend ausgewogene Situation. Versorgungsdefizite im dicht besiedelten Unterland werden durch Überschüsse der Produktion im Vorderland und im Walgau ausgeglichen. Die dadurch induzierten Transportströme stellen sich allerdings als wachsendes Konfliktpotential dar.
Da die Anforderungen, die an eine Rohstofflagerstätte gestellt werden, steigen, wird auch aus der Sicht der rohstoffkundlichen Grundlagenforschung eine vorausschauende Rohstoffsicherung für die Deckung des zukünftigen Bedarfs für erforderlich angesehen. Aus diesen Gründen wird auch für einen sparsamen Umgang mit den Ressourcen plädiert.

Dr. Ulrich Tränkle

Ein weiterer, heute wesentlicher Aspekt im "täglichen Leben" der Rohstoffwirtschaft wird vom Verhältnis zwischen Abbauwirtschaft und dem Umwelt- und Naturschutz gebildet. Dr. Ulrich Tränkle vom Büro AG.L.N. in Blaubeuren, Baden-Württemberg, beleuchtet neueste Erkenntnisse über die Bedeutung aktiver und aufgelassener Abbaustätten für den Arten- und Biotopschutz unter dem provozierenden Titel "Steinbruch kontra Naturschutz".
Aus naturschutzfachlicher Sicht stellen Steinbrüche einen erheblichen Eingriff in das Landschaftsbild und den Naturhaushalt dar. Dennoch steht der Rohstoffabbau heute nicht mehr im Gegensatz zum Naturschutz. Eine Reihe neuester Untersuchungen zeigt, dass die Artenvielfalt in Steinbrüchen sowohl während als auch nach der Betriebszeit oft erheblich höher ist als im Umland. Einige vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tierarten sind heute sogar nahezu ausschließlich in Steinbrüchen zu finden. Als Gründe für diesen überraschenden Naturschutzwert sind zu nennen:
• eine außerordentlich hohe Lebensraumvielfalt in Abbaustätten
• die abbaubedingte Entstehung extremer und seltener Lebensräume
• die ebenfalls abbaubedingte hohe Lebensraumdynamik (Wanderbiotope)
• lange, ungestörte Entwicklungszeiten
• geringer Besucherdruck.

Der hohe naturschutzfachliche Wert von Steinbrüchen und Kiesgruben ist mit zahlreichen Beispielen belegt und lässt sich durch geeignete Managementmaßnahmen fördern. So sollten während des Betriebs Kleinstrukturen wie Tümpel und Gehölze in wenig genutzten Bereichen erhalten bleiben. Diese Strukturen können über das Gelände "wandern", indem sie mit fortschreitendem Abbau immer wieder neu geschaffen werden. Für die Einbringung von Arten aus dem Umland hat sich auf mehreren Versuchsflächen die Ausbringung von Mähgut von umliegenden Flächen bewährt.
Dr. Tränkle gibt abschließend einen Überblick über neuere, teilweise über deutsche Baustoffverbände erhältliche Studien und Veröffentlichungen zu diesem Thema.

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Der zweite Vortragsblock befasst sich mit den Möglichkeiten und Grenzen raumordnerischer Rohstoffsicherung und blickt dabei auch über die Grenzen des Landes hinaus: Lernen vom Nachbarn heißt die Devise.

OOR Dr. Rüdiger Freist

Der bayerische Weg der Rohstoffsicherung wird von OOR Dr. Rüdiger Freist, in der Planungsregion Südost-Oberbayern für die Regionalplanung im Allgemeinen und für die Rohstoffsicherung im Besonderen zuständig, erklärt. Anhand des Regionalplans werden die deutsche Planungshierarchie und das Verfahren der Rohstoffsicherung dargestellt. Die Rohstoffsicherung ist hier zwingender Bestandteil des Regionalplans, der wiederum die Vorgabe für die örtliche Raumplanung darstellt.
In Bayern erfolgt die Rohstoffsicherung methodisch über eine so genannte "Positivplanung", in der jene Gebiete, in denen ein Abbau zulässig ist, dezidiert aus-gewiesen und andere Nutzungen an dieser Stelle ausgeschlossen werden. Auch die Folgenutzung kann im Regionalplan geregelt werden.
Die gesetzlichen Vorgaben bestimmen, dass die Rohstoffversorgung durch den Regionalplan für einen Zeitraum von 15 Jahren sichergestellt werden muss. Bei der Aufstellung eines Regionalplans wird daher der Bedarf im Planungszeitraum abgeschätzt, die lagerstättenkundlichen Grundlagen werden vom Geologischen Landesamt und der Bergbehörde bekanntgegeben.
Die Ausweisung von Flächen für den künftigen Abbau oberflächennaher Rohstoffe erfolgt in enger Abstimmung mit Vertretern der Wirtschaft. Grundstücksspekulationen können weitgehend vermieden werden, indem vorrangig solche Flächen berücksichtigt werden, die bereits von Abbauunternehmen gesichert worden sind.
Ebenfalls berücksichtigt werden muss die Nähe zu den Nachfrageräumen, da kurze Transportwege sowohl aus Gründen des Umweltschutzes wie auch aus Wettbewerbsgründen zum Schutz kleinerer und mittlerer Unternehmen geboten sind.
Der Vorteil der Rohstoffsicherung über die Regionalplanung nach bayerischem Vorbild liegt in einer hohen Planungssicherheit über einen langen Zeitraum. Nachteile liegen in der langen Aufstellungsdauer, die sich aus dem hohen Abstimmungsaufwand ergibt, und in der daraus resultierenden geringen Flexibilität, die ein Eingehen auf aktuelle Anforderungen nur sehr eingeschränkt ermöglicht.

Dr. Günther Knötig

Im Anschluss an Dr. Freist erläutert Dr. Günther Knötig vom Amt der Oberösterreichischen Landesregierung das dort entwickelte Konzept einer Negativausweisung durch den "Kiesleitplan Oberösterreich". Das Land Oberösterreich ist mit dem Kiesleitplan das erste österreichische Bundesland, das eine raumplanerische Sicherung der abbauwürdigen Rohstoffvorkommen vornimmt. Weiters ist geplant, eine Bedarfsprognose erstellen zu lassen, sowie alle wesentlichen Informationen in ein eigenes Rohstoffinformationssystem einfließen zu lassen. Ziel ist die Herstellung einer maximalen Planungssicherheit für die nächsten Jahrzehnte.
Der Kiesleitplan wurde - anders als der bayerische Weg - als so genannte "Negativplanung" konzipiert, bei der unbedingte und bedingte Ausschlusskriterien bzw. -flächen festgelegt wurden. Gegen eine Methodik der Positivausweisung sprachen fehlende detaillierte rohstoffgeologische Grundlagen, sowie die Gefahr von Grundstücksspekulationen.
Anhand der landesweit vorliegenden geologischen Karte im Maßstab 1 : 20.000 wurden durch die Geologische Bundesanstalt drei Flächenkategorien unterschiedlicher Abbauwürdigkeit aufgestellt. Für "abbauwürdige" Flächen wurde eine Landschaftsbewertung durchgeführt und Flächen mit hoher ökologischer Wertigkeit als Negativzonen ausgewiesen. Weitere Einschränkungen ergaben sich durch den Schutz von Siedlungsgebieten, Wasserschutzgebieten und Schutzwäldern. Vor der Änderung des MinroG entfielen damit 70 % der Landesfläche auf derartige "Tabuzonen" für Abbauvorhaben.
Große Unklarheiten bestehen weiterhin hinsichtlich des zukünftigen Bedarfs. Diese Frage wird daher in einer eigenen Studie der Montanuniversität Leoben geklärt.
Der offene Dialog mit der Interessenvertretung hat dazu geführt, dass die Rohstoffplanung in Oberösterreich trotz der Restriktionen bisher nicht zu unlösbaren Konflikten geführt hat. Nach Inkrafttreten des Kiesleitplans wurde lediglich bei einem einzigen Genehmigungsverfahren in Zusammenhang mit Rohstoffabbau ein Verfahren in 2.Instanz erforderlich.

Dr. Kurt Fleckenstein

Den zweiten Vortragsblock abschließend stellt Dr. Kurt Fleckenstein, Inhaber des auf Rohstoffabbauvorhaben spezialisierten, in Deutschland und Österreich tätigen Büros REGIOPLAN INGENIEURE die provokante Frage: "Rohstoffabbauplanung in Deutschland - ein Vorbild für Österreich?"

In Deutschland erfolgt die Rohstoffsicherung auf allen Ebenen der Raumplanung und ist gesetzlich vorgeschrieben. Ein Kernstück ist dabei die Regionalplanung, in der auf dem Wege der Positivausweisung die verfügbaren Abbaugebiete festgelegt werden. Dies führt zu einer hohen Planungssicherheit für die vorhandenen Betriebe, ist jedoch im Einzelfall wenig flexibel. In vielen Fällen kann ein Raumordnungsverfahren (Raumverträglichkeitsprüfung) als "Notanker" dienen, um in der Regionalplanung nicht berücksichtigte Flächen nachträglich raumordnerisch abzuklären.
Die Problematik von Festlegungen im Rahmen der Positivausweisung wird an mehreren Beispielen aufgezeigt. So kann es vorkommen, dass ausgewiesene Flächen sich als nicht verfügbar erweisen, geeignete Flächen dagegen aus unterschiedlichen Gründen im Regionalplanverfahren unberücksichtigt bleiben.
Genehmigungsverfahren für Abbauvorhaben werden in Deutschland nach zahlreichen, nicht aufeinander abgestimmten Rechtsgrundlagen durchgeführt. Dies führt in jedem Einzelfall zu einem hohen Abstimmungsaufwand mit den Behörden über die jeweilige Vorgehensweise. Ein einheitliches Genehmigungsregime analog dem österreichischen MinroG ist in Deutschland nicht in Sicht.

Grundsätzlich wird festgestellt, dass eine gesetzlich verankerte raumordnerische Rohstoffsicherung notwendig ist, um in dicht besiedelten Räumen auch in Zukunft die Versorgung mit Baustoffen sicherzustellen.
Zu empfehlen wäre letztlich ein Weg zwischen Positiv- und Negativausweisung, um auf jeden Einzelfall mit der gebotenen Flexibilität reagieren zu können, ohne die Planungssicherheit der Positivausweisung zu missen.

Podiumsdiskussion

Die Möglichkeiten und Grenzen einer raumplanerischen Rohstoffsicherung sind Gegenstand der abschließenden Podiumsdiskussion. Für das Podium konnten prominente Vertreter aus Wirtschaft und Verwaltung, aus Naturschutz und Wissenschaft gewonnen werden:
  • Prof. Reinfried Pilgram, Montanuniversität Leoben
  • Dr. Walter Bauer, Landesgeologe
  • Dr. Margit Schmid, Naturschau Vorarlberg
  • DI Uwe Bergmeister, Rheinbauleitung Vorarlberg
  • Bmstr. Walter-Heinz Rhomberg, Rhomberg Bau Bregenz
  • Günter Hintereggen, Bautrans Lauterach

  • Podium und Publikum diskutieren das Erfordernis einer aktiven Rohstoffsicherung auch in Vorarlberg angesichts wachsender Interessenskonflikte im Land. Neben der Bau- und der Transportwirtschaft meldeten insbesondere der Naturschutz, aber auch der Schutzwasserbau Interesse an neuen Wegen zur Rohstoffsicherung im Lande an.

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    Die Fachtagung wurde allgemein als gelungener Beitrag der Rohstoffwirtschaft zu einem Thema mit steigender Bedeutung bezeichnet.


    Langfassungen der Beiträge:

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    MR Dr. Maria Heinrich (1.072 KB)
    Dr. Ulrich Tränkle  (2.473 KB)
    OOR Dr. Rüdiger Freist (655 KB)
    Dr. Günther Knötig  (4.033 KB)
    Dr. Kurt Fleckenstein  (697 KB)